Vernissage zur Ausstellung: Small in Japan – 6 Beispiele für innovative Wohnhäuser in Japan

7.Mai | 18:00 – 22:00
Öffnungszeiten: Mo 15-18.00, Mi + Fr 09-12.00
Um eine Anmeldung per E-Mail wird gebeten: tpa-ofr-mfr@byak.de
07.05. um 18.00 Uhr: Vernissage mit Vortrag von Ulf Meyer,
Architekturjournalist, Berlin und Japan-Experte, Autor von Tokyo Architekturführer (DOM Publishers) und „Das Japanische in der Architektur“ (ak edition)
Zu sehen sind Objekte der Architekten Tsuyoshi Tane, Florian Busch, Yuko Nagayama, Ryuichi Sasaki, Tomohiro Hata sowie Tan Yamanouchi & AWGL
Japaner wohnen nicht. Jedenfalls wohnen sie nicht ausschließlich in den eigenen vier Wänden,
sondern in der Stadt: Convenience-Store, Waschsalon, Sento oder Café übernehmen Funktionen der
Wohnung. Das Zuhause ist ein Refugium, kein Ort der Repräsentation. Wer den ganzen Tag über in
der Bahn, in der Straße und im Büro unter Menschen ist, schätzt es, einen Raum zu haben, in dem er
die Tür hinter der Welt schließen kann. Es ist eng in Japan: Auf kleinster Fläche und in dicht bebauter
Nachbarschaft schaffen sie Wohnqualitäten, die man ihnen nicht ansieht. Unter den Entwerfern finden
sich Tsuyoshi Tane oder Yuko Nagayama. Mit Florian Busch ist auch einer der in Tokio ansässigen
ausländischen Architekten vertreten. Die Häuser zeigen Antworten auf die Enge und Dichte in
japanischen Städten. Manche sind 3D-Puzzle, die jeden Quadratzentimeter Fläche nutzen.
Sichtbetonfassaden lassen die Wohnungen wie Festungen wirken, geschützt vor den Zumutungen
und der Dauer-Sinnesüberforderung der Mega-Metropole. Andere Häuser bemühen sich, ihre
Bewohner in einen Austausch mit der Umwelt zu bringen, Licht, Wetter, Tages- und Jahreszeit
erlebbar zu machen. Ist das Grundstück zu eng, lohnt es sich, in raffinierte Erschließungen zu
investieren, Schein-Großzügigkeit mittels gezielter Ausblicke zu erzeugen, Tageslicht von oben ins
Haus zu bringen oder die Räume um einen Nakaniwa (Innengarten) zu orientieren. Da das Klima
keine Isolierung erfordert, genießen Architekten gestalterische Freiheiten, um die westliche Kollegen
sie beneiden. Grundstücke sind knapp und teurer als die Häuser darauf. Bauvorschriften regeln
Verschattung und Höhen nach der Straßenbreite. Trotz der Dichte hat sich die Tradition des
Einfamilienhauses erhalten, getragen von einer breiten Mittelschicht, die Wert auf Immobilienbesitz
legt – sei er noch so klein. Die Metropolen sind zu einer Megastadt verschmolzen. Da ihre Entwicklung
auf Schienennetzen beruht, haben die Effekte der Suburbanisierung weniger Schaden angerichtet. So
konnte sich ein kulturell reicher, dichter Siedlungsteppich bilden, die Grundlage der Stadtgesellschaft.
In Japan ist Kontextlosigkeit oft der einzige Kontext. Jedes Gebäude steht für sich. Die Abfolge von
Bau und Abriss macht es für Architekten wenig sinnvoll, auf Nachbarhäuser Bezug zu nehmen – sie
könnten morgen verschwunden sein. Gebaut wird nicht für die Ewigkeit. Nach zwanzig Jahren gelten
Häuser als abbruchreif. Statt Weiterverkauf folgt Abriss und Neubau. Diese Traditionslosigkeit hat
Tradition. Auch Tempel und Schreine werden regelmäßig erneuert – ihre Kontinuität liegt in der Form,
nicht im Material. Der Wohnbau ist ein fruchtbares Feld für die Büros. Niedrige Zinsen und hohe
Erbschaftssteuern haben die Nachfrage nach Eigenheimen steigen lassen, ebenso der
gesellschaftliche Wandel: Nur noch rund sechzig Prozent der Haushalte bestehen aus Familien;
Singles, Alleinerziehende und Senioren bilden einen wachsenden Anteil. Sinkende Geburtenraten und
steigende Lebenserwartung führen zu kleineren Haushalten und Häusern. Viele Mikrohäuser stehen
auf Parzellen kaum größer als ein Parkplatz. Ihre Schlafzimmer sind so groß wie Kleiderschränke, die
Kleiderschränke kaum größer als Koffer, die Küchen würde man in U-Booten erwarten.
Erfindungsreichtum ist gefragt: Stauraum in Nischen und unter Treppen, überlappende Funktionen,
fließende Raumfolgen mit Paravents statt Wänden. Im Zentrum vieler Kleinsthäuser liegt das
Chanoma – eine offene Fläche für Küche, Essen und Wohnen. Während Koolhaas „Bigness“
beschrieb, vollzog sich in Japan die entgegengesetzte Entwicklung: Auf winzigen Parzellen widmen
sich junge Architekten der Aufgabe, auf kleinstem Raum Lebensraum zu schaffen. Dieser Trend zur
„Smallness“ hat im Westen kein Pendant – und wird dort mit Neugier verfolgt.
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